Hanseaten und das Hanseatische in Diktatur und Demokratie

Bearbeitung: PD Dr. Lu Seegers

Forschungsfeld: Das lange 20. Jahrhundert

Ein Blick in die lokale Hamburger Medienlandschaft zeigt: Der Begriff hanseatisch spielt eine zentrale Rolle in der Selbstbeschreibung von Hamburgern. Nicht nur die lokalen Eliten in Wirtschaft und Politik führen den Begriff– auch Sportler bezeichnen sich selbst als Hanseaten. Mit diesen Begriffen assoziiert man heute gemeinhin Nüchternheit, Pragmatismus, Weltoffenheit und Toleranz. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich die Bedeutungsinhalte der beiden Begriffe in Diktatur und Demokratie erheblich unterschieden. Im „Dritten Reich“ stand das Hanseatische nicht etwa für Weltbürgertum, Toleranz und Liberalität, sondern für eine rassistisch-kolonialistische Eroberungsmentalität, die Hamburger Kaufleute zu Pionieren im „Volkstumskampf“ in Mittel- und Osteuropa stilisierte.

Im historischen Längsschnitt untersucht das Forschungsprojekt deshalb für den Zeitraum von 1900 bis 1970 die Wandlungsprozesse, denen die Selbstbeschreibung von Hamburgern als hanseatisch bzw. als Hanseaten unterlag. Ausgehend vom späten 19. Jahrhundert werden dabei sowohl die verschiedenen politischen Semantiken und gesellschaftlichen Trägergruppen der beiden Begriffe in den Blick genommen als auch die damit verbundenen zeitgenössischen Strategien und sozialen Praktiken.

Transportierte der Begriff in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts den ungebrochenen Herrschaftsanspruch der traditionellen hansestädtischen Kaufmannseliten gegenüber der aufkommenden Sozialdemokratie, so nutzte die Hamburger SPD den Begriff seit den 1920er Jahren zunehmend zur Betonung stadtrepublikanischer Freiheitstradition. Nach 1945 wurden demzufolge auch sozialdemokratische Bürgermeister als hanseatisch klassifiziert. Helmut Schmidt gilt heute geradezu als Prototyp des Hanseaten.

Das Hanseatische als Selbstbeschreibung findet sich in zahlreichen Quellentypen, die für das Projekt ausgewertet werden: Neben Pressetexten, Reden und Festschriften aus Wirtschaft, Politik und Kultur werden historische Darstellungen zur Hamburger Geschichte, Stadtwerbematerialien und literarische Verarbeitungen, wie z.B. Kaufmannsromane untersucht. Anhand von Festschriften, Vereinsprotokollen, Fotografien, Ego-Dokumenten soll zudem gezeigt werden, wie sich das Hanseatische als Verhaltenskodex und soziale Praxis während des Nationalsozialismus im Vergleich zur Weimarer Republik und zur Bundesrepublik nach 1945 im 20. Jahrhundert manifestierte und veränderte.

Wie städtische Eliten und zeitgenössische Akteure sich in Hamburg, aber auch in Bremen und Lübeck als Hanseaten beschrieben und das Hanseatische deuteten und praktizierten, gibt Hinweise auf zeitspezifische Distinktionen und Abgrenzungen zu anderen lokalen gesellschaftlichen und politischen Gruppen. Zudem waren entsprechende Zuschreibungen häufig auf den transnationalen Raum bezogen. Beziehungen und Verflechtungen mit anderen Ländern sowie die mit dem Hanseatischen verbundenen Vorstellungen politischer, kultureller und wirtschaftlicher Überlegenheit finden daher im Rahmen des Forschungsprojekts besondere Beachtung.

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