Workshop

„Faktenbezogene Konkretheit …“? Wissensgeschichtliche Perspektiven auf die NS-Forschung

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„Faktenbezogene Konkretheit …“? Wissensgeschichtliche Perspektiven auf die NS-Forschung

24. und 25. September, Universität Hamburg, Westflügel, ESA 121

Seit Jahrzehnten zählt die NS-Forschung zu den zentralen Feldern der Geschichtswissenschaft. Gleichwohl konstatieren Fachleute inzwischen eine gewisse Ermüdung: Das Detailwissen wächst weiter, der interpretatorische Zugewinn bleibt jedoch begrenzt. Ausgangspunkt dieses Workshops ist der Appell, das etablierte Design der NS-Forschung kritisch zu befragen – und damit ihre eigene Geschichte als Teil der Problemstellung zu begreifen. Die ersten Deutungen nach 1945 wurzeln in Erfahrungen der NS-Zeit, wurden später retrospektiv interpretiert und durch neues Wissen immer wieder neu gerahmt. Das gilt besonders für die akademische Zeitgeschichtsforschung, die sich – zunächst zögerlich – zur Aufgabe machte, dieses Wissen methodisch abzusichern. Bis heute betonen viele Forschende daher die „faktenbezogene Konkretheit kritisch-empirischer Quellenforschung und -konfrontation“, wie Martin Broszat, langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), es einmal nannte. Doch was bedeutet diese Konkretheit genau, und wie wird sie hergestellt?

Eine wissensgeschichtliche Perspektive erscheint aufschlussreich, um dieser Frage nachzugehen. „Wissen“ meint hier nicht bloß gesicherte Fakten, sondern ein Geflecht kognitiver, emotionaler und medialer Elemente, das soziale Wirklichkeit formt. In Anlehnung an die Wissenssoziologie fragt eine solche Wissensgeschichte, durch welche Praktiken Wahrnehmungen, Deutungen und kommunikative Prozesse zu „Wissen“ werden – wie es also erzeugt, stabilisiert oder verdrängt wird. Für die NS-Forschung bedeutet das, auch die soziale, institutionelle und methodische Gebundenheit der Wissensproduktion selbst kritisch zu betrachten.

Der Workshop findet im Rahmen eines laufenden DFG-Projekts zur Geschichte des 1949 gegründeten IfZ statt und versteht sich als Beitrag zu einer so verstandenen Wissensgeschichte des Nationalsozialismus. Ziel ist es, die NS-Forschung um eine erneuerte selbstreflexive Perspektive zu bereichern.

Der Workshop ist eine Kooperation der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) und des Arbeitsbereiches Deutsche Geschichte am Fachbereich Geschichte (Universität Hamburg).

Programm

 

Donnerstag, 24. September

13.30 Uhr bis 18.30 Uhr

Begrüßung und Einführung

1. Wissensakteure: Prägungen und „implizites Wissen“

  • René Schlott (Potsdam/Berlin): "There is need for an analysis" - Ein Close Reading der Masterarbeit von Raul Hilberg aus dem Jahr 1950
  • Kirsten Heinsohn (Hamburg): Situiertes Wissen. Eva Reichmann, der Centralverein und der Nationalsozialismus
  • Niklas Lenhard-Schramm (Hamburg): Von der Nachkriegs- zur Zeitgeschichte: Paul Kluke und der Nationalsozialismus

Moderation: Klaus Große Kracht (Hamburg)

2. Sammeln und Dokumentieren. Grundlagen der Wissensproduktion

  • Katharina Stengel (Frankfurt): Die Zeugenaussagen jüdischer Überlebender zwischen Klage, Beweismittel und Quelle
  • Sibylle Varga (Jena), Täterwissen. Befragungen ehemaliger Nationalsozialist:innen als Forschungspraxis
  • Florian Eichblatt (Münster): Wissen für die Justiz. Historiker als Sachverständige in Strafverfahren wegen NS-Verbrechen

Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)

18.30 Uhr
Öffentlicher Abendvortrag

Annette Weinke (Jena): Transnationale Akteure als Motoren einer Wissensgeschichte des Nationalsozialismus

Freitag, 25. September

9.00 Uhr bis 13.00 Uhr

3. Geltung und Gegenwissen. Zur Durchsetzung von „Wissen“

  • Anna Corsten-Neidigk (Jena): Wer durfte über den Nationalsozialismus sprechen? Emigrierte Historiker und die Grenzen akzeptierten Wissens nach 1945
  • Klaus Große Kracht (Hamburg): Ein „Amok-Lauf gegen die Wirklichkeit“. Martin Broszat, das Institut für Zeitgeschichte und die Abwehr des rechtsradikalen Revisionismus
  • Marlene Friedrich (Bochum): Das bessere Argument gewinnt? Hans Mommsen und der Kampf um die Deutungshoheit in der NS-Forschung

Moderation: Niklas Lenhard-Schramm (Hamburg)

4. Abschlusspodium

mit Nicolas Berg (Leipzig), Ulrike Jureit (Hamburg), Stefan Kühl (Bielefeld) und Michael Wildt (Berlin/Hamburg)

Moderation: Birthe Kundrus (Hamburg)

Der Workshop ist nicht öffentlich. Eine Teilnahme für interessierte Gäste ist nach vorheriger, verbindlicher Anmeldung bis zum 20. September jedoch möglich: geschaeftszimmer@zeitgeschichte-hamburg.de

Für den öffentlichen Abendvortrag ist keine Anmeldung nötig.

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