Seit Jahrzehnten zählt die NS-Forschung zu den zentralen Feldern der Geschichtswissenschaft. Gleichwohl konstatieren Fachleute inzwischen eine gewisse Ermüdung: Das Detailwissen wächst weiter, der interpretatorische Zugewinn bleibt jedoch begrenzt. Ausgangspunkt dieses Workshops ist der Appell, das etablierte Design der NS-Forschung kritisch zu befragen – und damit ihre eigene Geschichte als Teil der Problemstellung zu begreifen. Die ersten Deutungen nach 1945 wurzeln in Erfahrungen der NS-Zeit, wurden später retrospektiv interpretiert und durch neues Wissen immer wieder neu gerahmt. Das gilt besonders für die akademische Zeitgeschichtsforschung, die sich – zunächst zögerlich – zur Aufgabe machte, dieses Wissen methodisch abzusichern. Bis heute betonen viele Forschende daher die „faktenbezogene Konkretheit kritisch-empirischer Quellenforschung und -konfrontation“, wie Martin Broszat, langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), es einmal nannte. Doch was bedeutet diese Konkretheit genau, und wie wird sie hergestellt?
Eine wissensgeschichtliche Perspektive erscheint aufschlussreich, um dieser Frage nachzugehen. „Wissen“ meint hier nicht bloß gesicherte Fakten, sondern ein Geflecht kognitiver, emotionaler und medialer Elemente, das soziale Wirklichkeit formt. In Anlehnung an die Wissenssoziologie fragt eine solche Wissensgeschichte, durch welche Praktiken Wahrnehmungen, Deutungen und kommunikative Prozesse zu „Wissen“ werden – wie es also erzeugt, stabilisiert oder verdrängt wird. Für die NS-Forschung bedeutet das, auch die soziale, institutionelle und methodische Gebundenheit der Wissensproduktion selbst kritisch zu betrachten.
Der Workshop findet im Rahmen eines laufenden DFG-Projekts zur Geschichte des 1949 gegründeten IfZ statt und versteht sich als Beitrag zu einer so verstandenen Wissensgeschichte des Nationalsozialismus. Ziel ist es, die NS-Forschung um eine erneuerte selbstreflexive Perspektive zu bereichern.
Der Workshop ist eine Kooperation der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) und des Arbeitsbereiches Deutsche Geschichte am Fachbereich Geschichte (Universität Hamburg).
13.30 Uhr bis 18.30 Uhr
Begrüßung und Einführung
1. Wissensakteure: Prägungen und „implizites Wissen“
Moderation: Klaus Große Kracht (Hamburg)
2. Sammeln und Dokumentieren. Grundlagen der Wissensproduktion
Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)
18.30 Uhr
Öffentlicher Abendvortrag
Annette Weinke (Jena): Transnationale Akteure als Motoren einer Wissensgeschichte des Nationalsozialismus
9.00 Uhr bis 13.00 Uhr
3. Geltung und Gegenwissen. Zur Durchsetzung von „Wissen“
Moderation: Niklas Lenhard-Schramm (Hamburg)
4. Abschlusspodium
mit Nicolas Berg (Leipzig), Ulrike Jureit (Hamburg), Stefan Kühl (Bielefeld) und Michael Wildt (Berlin/Hamburg)
Moderation: Birthe Kundrus (Hamburg)
Der Workshop ist nicht öffentlich. Eine Teilnahme für interessierte Gäste ist nach vorheriger, verbindlicher Anmeldung bis zum 20. September jedoch möglich: geschaeftszimmer@zeitgeschichte-hamburg.de
Für den öffentlichen Abendvortrag ist keine Anmeldung nötig.