Vortragsreihe zu Sportgeschichte

„Auf die Plätze …“ Sportgeschichte(n) als Gesellschaftsgeschichte

Vortragsreihe

„Auf die Plätze …“ Sportgeschichte(n) als Gesellschaftsgeschichte

Donnerstags, 18.30 bis 20.00 Uhr, Lesesaal der FZH und online

Sport ist mehr als Spiel, Wettkampf und Rekord. In ihm spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen wider. Dies zeigte sich beispielsweise während der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2022 in Katar, als in der Öffentlichkeit ebenso intensiv über Menschenrechtsverletzungen, Homophobie und katastrophale Arbeitsbedingungen diskutiert wurde wie über Tore, Aufstellungen und falsche Schiedsrichterentscheidungen. Auch Proteste gegen die Ausrichtung von Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen verdeutlichen, dass Sport, Politik und Gesellschaft eng miteinander verzahnt sind. Die Veranstaltungsreihe widmet sich dem Sport als sozialem, politischem und kulturellem Phänomen – vom Nationalsozialismus bis in die jüngste Zeitgeschichte. Welche Bedeutung wurde ihm in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen zugeschrieben? Was hat die Geschichte des Sports mit Macht, Körperpolitiken, Identität oder Erinnerung zu tun? Wie verhält sie sich zu Fragen von Individualisierung, Kommerzialisierung oder Medialisierung?
Die Referent:innen werden solchen Fragen anhand von so unterschiedlichen Sportarten wie Fußball, Rudern oder Skateboarden nachgehen und dabei Ergebnisse aus aktuellen Forschungsprojekten und neuesten Veröffentlichungen zur Geschichte des Sports präsentieren.

Die Vorträge finden im Lesesaal der FZH statt und werden zudem online via Zoom übertragen: https://zoom.us/j/91237388010?pwd=XvSz8rsSuJCCI7i3aYZLXnj8O3Way4.1

Die Reihe findet auch im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens der Universität Hamburg statt.

Programm

Donnerstag, 23. Oktober 2025, 18.30 Uhr

Olaf Stieglitz (Universität Leipzig): Zwischen Boom und Krise: Ein (eher) optimistischer Blick auf die internationale Sportgeschichtsschreibung

Blickt man auf den Stand der Sportgeschichtsschreibung, bietet sich ein widersprüchliches Bild: Sie hat sich gegen Widerstände in der „Zunft“ etabliert, ihre Relevanz wird nicht mehr angezweifelt, und angesichts der Zahl von – vor allem englischsprachigen – Publikationen kann man geradezu von einem Boom reden. Zugleich hält sich der Eindruck einer tiefen Krise, die insbesondere an fehlender institutioneller Verankerung und Förderung an Forschungseinrichtungen festgemacht wird.
Olaf Stieglitz nimmt diese Wahrnehmung der Sportgeschichte als zugleich aufblühende wie krisenhafte Disziplin zum Anlass, über ihre Entwicklung, ihre gegenwärtige Rolle sowie über ihre konzeptionelle Zukunft nachzudenken. Er tut dies vor dem Hintergrund einer seit einigen Jahren international rege geführten Debatte um sie und mit dem Ziel, Sport und Bewegungskultur als Themen einer zeitgemäßen gesellschafts- und kulturhistorischen Forschung sichtbarer werden zu lassen.

Moderation: Yvonne Robel (FZH)

Donnerstag, 20. November 2025, 18.30 Uhr

Marcel Bois (FZH): Bürgerlichkeit, Sport und Diktatur: Hamburger Ruderinnen im Nationalsozialismus

„Sollen Weiber rudern?“ So lautete die provokante Überschrift eines Artikels, der 1924 in der Zeitschrift „Wassersport“ erschien. In Übereinstimmung mit zahlreichen seiner männlichen Kollegen wollte der Autor, ein Mediziner, das nicht empfehlen. Aus Rücksicht auf ihre Gesundheit sollten die Frauen lieber auf die Ausübung des Sports verzichten. Doch das Gegenteil geschah. Immer mehr Frauen begeisterten sich für das Rudern. In der Hansestadt schlossen sie sich im Hamburger Damen-Ruder-Club (HDRC) zusammen, der schon bald der reichsweit größte seiner Art war. Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, stellte dies jedoch keineswegs eine Zäsur für die Ruderinnen dar. Obwohl das neue Regime Emanzipationsbestrebungen aus der Weimarer Republik ablehnte und stattdessen eine traditionelle Geschlechterordnung anstrebte, förderte es das Frauenrudern. Umgekehrt zeigten auch die Ruderinnen viele Sympathien für die neuen Machthaber. Am Beispiel des HDRC stellt Marcel Bois dar, wie und warum sich der bürgerliche Frauensport mit der NS-Diktatur arrangierte – und welche Kontinuitäten sich nach 1945 beobachten ließen.

Moderation: Alina Just (FZH)

Donnerstag, 4. Dezember 2025, 18.30 Uhr

Jutta Braun (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Klassenkampf im Flutlicht: Sport im geteilten Deutschland

In einer Augustnacht 1969 schwamm Axel Mitbauer bei Boltenhagen vorbei an den Suchscheinwerfern ins offene Meer hinaus. Sich nur an den Sternen orientierend, gelangte er nach 20 Kilometern in die Lübecker Bucht. Dem Langstreckenschwimmer war es gelungen, seine eigene Sportart zu nutzen, um der SED-Diktatur zu entkommen. Für die DDR war es ein schwerer Image-Schaden, wenn ein sozialistischer Vorzeigeathlet zum „Klassenfeind“ wechselte. Denn Sport war im Kalten Krieg nicht nur ein Kampf um Meter und Sekunden, sondern zugleich ein politisch aufgeladener Wettbewerb der Systeme. Der Vortrag analysiert, wie Athleten und Fans in den Sog des Ost-West-Konflikts gerieten. Welche Folgen hatten politische Boykotte von Olympischen Spielen, aber auch das Zwangsdoping in der DDR für das Selbstverständnis des Sports? Und wieso versuchte der vereinte Sport seit 1990, von der Diktatur zu lernen? Jutta Braun zeigt, weshalb der Sport bis heute zu den heikelsten Feldern der deutsch-deutschen Erinnerungskultur gehört.

Moderation: Christoph Strupp (FZH)

Der Link für die Online-Teilnahme: https://zoom.us/j/91237388010?pwd=XvSz8rsSuJCCI7i3aYZLXnj8O3Way4.1

Donnerstag, 11. Dezember 2025, 18.30 Uhr

Pavel Brunssen (Universität Heidelberg): „Mia San Landauer“: Erinnerungskultur und kollektive Identitäten beim FC Bayern München

Kurt Landauer, langjähriger Präsident des FC Bayern München, wurde von den Nationalsozialisten als Jude verfolgt und ins Exil gezwungen. Erst Anfang der 2000er Jahre bekam er einen Platz in der Erinnerungskultur des Vereins. Auf Jahrzehnte des Schweigens folgte nun ein umso lauteres Erinnern – und mit diesem Erinnern eine symbolische Identifikation: Fans und Verein entwickelten eine Praxis der „Opferidentifikation“, die sich um Landauer und das neue Narrativ des Vereins als „Judenklub“ formierte. Einzelne Wissenschaftler und Medien begannen dieses identitätsstiftende Narrativ kritisch zu hinterfragen. Auf die Inszenierung von Erinnerung folgte die historische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Vereins.
Pavel Brunssen untersucht, wie erinnerungskulturelle Prozesse und kollektive Identitätskonstruktionen zusammenhängen. Was macht die Identifikation mit Landauer für Fans und Vereinsführung attraktiv? Welche Funktionen erfüllt das Narrativ des „Judenklubs“? Wie verhalten sich Erinnern und Vergessen zueinander? Und wie lässt sich die erinnerungskulturelle Praxis eines Vereins im Spannungsfeld von Fußballkultur, urbaner Öffentlichkeit und nationaler Gedächtnispolitik verorten?

Moderation: Kerstin Thieler (FZH)

Link für die Online-Teilnahme: https://zoom.us/j/91237388010?pwd=XvSz8rsSuJCCI7i3aYZLXnj8O3Way4.1

Donnerstag, 15. Januar 2026, 18.30 Uhr

Kai Reinhart (Universität Münster): „Skate and destroy!“ Die Entwicklung des Skateboardens zwischen Straße und Verein

Bei den Olympischen Spielen in Tokio (Austragung: 2021) wurde das Skateboarden erstmals in die prestigeträchtige Familie der olympischen Sportarten aufgenommen. Doch statt sich über diese Ehre inklusive bester Vermarktungs- und Gewinnaussichten zu freuen, war das Echo in der Szene gespalten. Der deutsche Skatepionier und -unternehmer Titus Dittmann betonte: „Skateboarden braucht Olympia nicht, ganz im Gegenteil.“ Diese Skepsis gegenüber dem etablierten Sport ist das Ergebnis einer sehr eigenen Geschichte, in der ein Spielzeug zum Asphalt-Surfbrett wurde und schließlich eine rotzige Jugendkultur begründete. Keimzellen der Entwicklung waren oft Firmen, Shops und Zeitschriften. Immer wieder spielten aber auch Vereine und Verbände eine wichtige Rolle. Doch nichts und niemand konnte sich der Loyalität der Skateboarder sicher sein. Nach ihrem Motto „skate and destroy“ blieben sie stets unberechenbar und das Skateboarden eine äußerst dynamische ... Sportart?

Moderation: Ruth Pope (FZH)

Link für die Online-Teilnahme: https://zoom.us/j/91237388010?pwd=XvSz8rsSuJCCI7i3aYZLXnj8O3Way4.1

Donnerstag, 22. Januar 2026, 18.30 Uhr

Svea Gruber (FZH): „Gegen den modernen Fußball“: Kritische Fans in Hamburg und die Ökonomisierung des Fußballs

Der männliche Profi-Fußball veränderte sich Ende des 20. Jahrhunderts fundamental. Vieles, was uns heute selbstverständlich vorkommt, nahm damals seinen Anfang. Diese Veränderungen waren eng mit gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen jener Jahre „nach dem Boom“ verknüpft. Fußballfans diskutierten diese Prozesse kontrovers. Insbesondere die kritische Fanbewegung, die sich in den 1990er-Jahren herausbildete, positionierte sich gegen die immer stärkere Ökonomisierung des Fußballs. Doch wie begründeten die Fans ihre Haltung? Unter welchen Umständen konnte sich Protest formieren und wie wurde er artikuliert? Svea Gruber zeichnet zunächst den Wandel des Fußballs seit den 1980er Jahren nach und fragt anschließend am Beispiel der beiden Hamburger Vereine HSV und FC St. Pauli danach, welche Praktiken die kritischen Fans inner- und außerhalb des Stadions anwandten, um gegen die Ökonomisierung des Fußballs zu protestieren.

Moderation: Knud Andresen (FZH)

Der Link für die Online-Teilnahme: https://zoom.us/j/91237388010?pwd=XvSz8rsSuJCCI7i3aYZLXnj8O3Way4.1

 

Adresse:
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)
Beim Schlump 83
20144 Hamburg
Telefon: 040/431397-0
E-Mail: fzh@zeitgeschichte.hamburg.de

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