Der Begriff „Jugend“ beschreibt sowohl die Entwicklungsphase und das Leben junger Menschen zwischen Kindheit und Erwachsenenalter als auch die gesellschaftliche Debatte über sie. Wie wird über Jugend gesprochen? In der zeitgeschichtlichen Forschung galt Jugend seit den 1950er Jahren als Avantgarde.
Anhand des Alltags junger Menschen ließen sich gesellschaftlicher Wandel und die Pluralisierung von Lebensstilen nachvollziehen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre veränderte sich das Bild, nun wurde die Jugend als unpolitisch, angepasst und ich-bezogen beschrieben.
Doch stimmt das?
Die Vortragsreihe „Pop, Protest und Privilegien. Jugend seit den 1980er Jahren“ geht dieser Frage auf den Grund und untersucht den Wandel in der Wahrnehmung jugendlicher Lebenswelten. Präsentiert werden aktuelle Forschungen und Fallbeispiele zu politischem Aktivismus, zur Situation von migrantischen Jugendlichen und den Privilegien junger Menschen aus reichen Elternhäusern.
Barbara Stambolis (Münster): „Jugend“ um die Jahrtausendwende. Protest-, Pop- und demokratiegeschichtliche Überlegungen zur jüngsten Zeitgeschichte
Jugendliche orientieren sich im Spannungsfeld zwischen jugendkulturell bedeutsamen globalen Dynamiken, regionalem und lokalem Engagement, sie setzten sich für Umweltschutz und Räume, in denen sie sich kreativ entfalten können. Ihre Träume, Ängste und Freizeitgestaltung sind von Zeitumständen, Erziehungstraditionen sowie gesellschaftlichen Wandlungsprozessen geprägt. Was unterschied und verband die Lebenswelten junger Menschen in urbanen und ländlichen Umgebungen um die Jahrtausendwende von denen Jugendlicher aus vorangehenden Jahrzehnten? „Die Zukunft“ sei „voller Unbekannter hinsichtlich der Entwicklung des Weltfriedens und der Lösung von Umweltproblemen“, hieß es 1989 in einem Jugendbericht; junge Menschen wüchsen „in einer völlig anderen Lebenswelt mit gänzlich anderen Grunderfahrungen“ auf als in den Jahrzehnten zuvor. Es gilt sozial und regional zu differenzieren, um facettenreiche Einblicke zu gewinnen, wie Jugendliche Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ‚tickten‘.
Moderation: Knud Andresen (FZH)
Daniel Gerster (FZH) / Laura Hassler (Universität Greifswald): Von Springerstiefeln zu Tiktok-Feed. Radikal rechte Jugendkulturen im Wandel (Gespräch)
Junge Männer in Springerstiefeln und Bomberjacken: Kaum ein anderes Bild hat die öffentliche Vorstellung von der extremen Rechten in Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren so nachhaltig geprägt. Im Gespräch gehen Laura Haßler und Daniel Gerster dem Ursprung dieses Stereotyps nach. Sie sprechen darüber, wie junge Menschen nach 1945 im radikal rechten Milieu aufwuchsen und welcher Wandel sich über die Jahrzehnte beobachten lässt. Als in den 1970er Jahren extrem rechte Gewalt allgemein zunahm, waren daran überproportional viele Jugendliche beteiligt. Wissenschaft und Öffentlichkeit verkürzten den Rechtsextremismus daraufhin vielfach zu einem „Jugendproblem“ – eine Form der Pädagogisierung, die den Umgang mit der extremen Rechten entpolitisierte. Zugleich greift sie auch deshalb zu kurz, weil sie rechte Jugendliche nicht als das anerkennt, was sie sind: Teil einer sich wandelnden Jugendkultur, in der seit den 1960er Jahren der eigenen subjektiven Erfahrung und Identität eine wachsende Bedeutung zu gemessen wurde.
Moderation: Nina Mackert (Universität Hamburg)
Maria Daldrup (Archiv der Arbeiterjugendbewegung Oer-Erkenschwick): Die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken zwischen Tradition und Transformation in den 1980er Jahren
Die Sozialistische Jugend Deutschlands (SJD) – Die Falken gründete sich nach 1945 als Nachfolgerin der Sozialistischen Arbeiterjugend und der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde aus der Weimarer Zeit. Orientiert an deren Werten, pädagogischen Inhalten und Organisationsformen etablierten sich die Falken in den Folgejahrzehnten als politischer Kinder- und Jugendverband. Die zunehmende Pluralisierung und Ausdifferenzierung jugendlicher Lebensstile und subkultureller Strömungen seit den 1960er Jahren ging allerdings auch an der SJD – Die Falken nicht spurlos vorüber. Vor allem in den 1980er Jahren galt zwischen Anti-Atomkraft- und Friedensbewegungen sowie neuen popkulturellen Phänomenen ein traditionsverhafteter Kinder- und Jugendverband nicht als attraktivster Freizeitort für junge Menschen. Auf Basis vielfältiger Quellen aus dem Archiv der Arbeiterjugendbewegung widmet sich der Vortrag dem ambivalenten Verhältnis von Tradition und Transformation bei der SJD – Die Falken in diesem Wendejahrzehnt.
Moderation: Svea Gruber (FZH)
Eva Maria Gajek (Leibniz Institut für Raumbezogene Sozialforschung Erkner): Grenzerfahrungen. Jugend, Privilegierung und Mauer im Berliner Villenviertel Wannsee zwischen 1970 und 1990
Wie erinnert man sich an ein privilegiertes Aufwachsen? Und wie verändert sich der Blick auf die eigene Kindheit, wenn der Ort, an dem man groß geworden ist, selbst tiefgreifende Wandlungen erfahren hat? Der Vortrag widmet sich diesen Fragen am Beispiel von Berlin-Wannsee und stützt sich auf ausgewählte Oral-History-Interviews mit Menschen, die zwischen den 1970er und 1990er Jahren dort aufgewachsen sind. Mit Wannsee gerät ein Ort in den Blick, in dem physische und soziale Grenzen in besonderer Weise aufeinandertrafen. Lange galt der Stadtteil als eine der „guten Adressen“ Berlins. Mit dem Bau der Mauer wurde das Villenviertel zugleich zu einem Grenzgebiet am Rande der Stadt, bevor sich der Ort nach 1990 durch das Zusammenwachsen mit den Wohnlagen am Potsdamer Griebnitzsee erneut veränderte. Im Erinnern an Nachbarschaft, Schulwege oder Alltag wird sichtbar, wie die Interviewpartner diesen Ort und seinen Wandel wahrnahmen und sich in ihm verorteten. Ausgehend von diesem Fall fragt der Vortrag schließlich, wie sich Jugendgeschichte schreiben lässt, wenn Privilegierung oft gerade durch ihre Selbstverständlichkeit geprägt ist.
Moderation: Marcel Bois (FZH)
Max Schellbach (Universität Köln): Zwischen „sozialem Sprengsatz“ und „multikultureller Avantgarde“: Deutungskonflikte um migrantische Jugendkulturen in der Bundesrepublik und Großbritannien (1970–1990)
Seit dem Ende der 1970er Jahre wurden neue Jugendsubkulturen in vielen westeuropäischen Gesellschaften verstärkt öffentlich diskutiert. Die Rolle migrantischer Jugendkulturen ist bislang jedoch nur wenig erforscht. Der Vortrag untersucht am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland und Großbritanniens, wie migrantische Jugendkulturen im Kontext von Arbeitsmigration und postkolonialer Migration in den Fokus von Medien, Politik und Sozialwissenschaften rückten und sich zu einem Kristallisationspunkt von Debatten über Migration und urbane Problemlagen entwickelten. Die Deutungen dieser Jugendkulturen waren jedoch höchst umstritten. Einerseits galten sie als Symptom sozialer Krisen und einer Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung. Andererseits erschienen sie in antirassistischen und linken Milieus als Ausdruck kultureller Kreativität, politischer Selbstbehauptung und als Hoffnungsträger einer multikulturellen Gesellschaft. Der Vortrag fragt zuletzt danach, wie auch die Agency migrantischer Jugendlicher selbst historisch sichtbar gemacht werden kann.
Moderation: Andrea Althaus (FZH)
Koordination
Knud Andresen, Marcel Bois und Svea Gruber (alle FZH)
Maike Raap (Öffentlichkeitsarbeit FZH)
Veranstaltungsort und Kontakt
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)
Beim Schlump 83
20144 Hamburg
Telefon: 040/431397-0
E-Mail: fzh@zeitgeschichte-hamburg.de