Vortragsreihe Wissensgeschichte

Hamburger Vorlesungen zur Wissensgeschichte

Vortragsreihe

Hamburger Vorlesungen zur Wissensgeschichte

Ab 22. April, mittwochs um 18.00 Uhr, Hörsaal des Fritz-Schumacher-Haus (N30), UKE, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Martinistraße 52, 20251 Hamburg

Die Vortragsreihe Hamburger Vorlesungen zur Wissensgeschichte beleuchtet die historische Entstehung, Zirkulation und Regulierung von Wissen aus interdisziplinärer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Ausbildung der modernen Wissensgesellschaft vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. Thematisiert werden wissenschaftliche und technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Normen, globale Wissensnetzwerke sowie die Rolle von Institutionen und Sammlungen in der Wissensproduktion. Die Vorträge untersuchen historische Prozesse, die unser heutiges Verständnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur prägen, und bieten Gelegenheit zu vertiefter Reflexion und Diskussion.

Die Vortragsreihe findet in Kooperation mit der Helmut-Schmidt-Universität und dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) statt.

Programm

Mittwoch, 22. April, 18.00 Uhr

Rita Müller und Sandra Schürmann (beide Museum der Arbeit):
Arbeitswissen musealisieren. Herausforderungen und Chancen einer ständigen Ausstellung im Museum der Arbeit, Hamburg

Wie kann das prozess- und handlungsorientierte (Erfahrungs-)Wissen, das Menschen für ihre Arbeit benötigen und einsetzen, im Museum bewahrt, ausgestellt und vermittelt werden? Die UNESCO-Definition des Immateriellen Erbes umfasst neben künstlerischen Ausdrucksformen, Traditionen, mündlichen Überlieferungen und Naturwissen auch Handwerkstechniken. Letztere stehen bislang oft im Mittelpunkt der musealen Beschäftigung mit Arbeitswissen. Der Vortrag geht der Frage nach, wie Museen auf die Zunahme von Wissensarbeit und die digitale Transformation reagieren können.

Mittwoch, 6. Mai, 18.00 Uhr

Ruth Pope (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg):
Ein schmaler Grat: Feministischer Aktivismus gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und die Bedeutung emotionalisierten Wissens

Das Wissen über sexualisierte Gewalt an Kindern war in den 1980er und 1990er Jahren umkämpft. Aktivistinnen und betroffene Frauen im Umfeld der Neuen Frauenbewegung stellten bis dahin dominierende Deutungen aus Wissenschaft und Medien in Frage und formulierten eigene Überzeugungen über die Ursachen, das Ausmaß und die Folgen sexualisierter Gewalt an Kindern. Um diesem Wissen Geltung zu verleihen, vermittelten sie es mithilfe von Emotionen wie Wut, Schmerz oder Angst – begaben sich damit aber auf einen schmalen Grat. Denn die Emotionalisierung wirkte zwar mobilisierend. Sie diente Kritiker:innen aber auch als Argument, den Feministinnen Expertise und Professionalität im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Kindern abzusprechen. Der Vortrag nimmt das Verhältnis von Wissen und Emotionen in den Blick und beleuchtet die feministischen Strategien der Emotionalisierung von Wissen im Spannungsfeld zwischen Ressource und Risiko.

Mittwoch, 20. Mai, 18.00 Uhr

Anja Sattelmacher (Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am UKE Hamburg):
Denken in Bildern: Materialität und Wissenspraktiken des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests

Der Vortrag untersucht den Hamburg-Wechsler-Intelligenztest (HAWI) aus wissens- und zeithistorischer Perspektive mit besonderem Fokus auf seine materielle und visuelle Dimension in den 1950er- und 1960er-Jahren. Während Intelligenztests häufig primär als standardisierte Messinstrumente betrachtet werden, rückt dieser Beitrag die konkreten Testmaterialien – Bildkarten, Modelle und Muster – als konstitutive Elemente diagnostischer Wissensproduktion in den Mittelpunkt. Gezeigt wird, wie visuelle Arrangements, materielle Eigenschaften und Anwendungssituationen epistemische Praktiken der Kinder- und Jugendpsychologie strukturierten, Entscheidungen über sonderpädagogische Förderung beeinflussten und Vorstellungen von Intelligenz prägten.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich diagnostisches Wissen im Zusammenspiel von Materialität, Anwendungssituation und professioneller Deutungspraxis herausbildete und welche Rolle bildbasierte Aufgabenformate dabei spielten.

Mittwoch, 3. Juni, 18.00 Uhr

Margarethe Vöhringer (Georg-August-Universität Göttingen):
Zur Entstehung der wissenschaftlichen Augenheilkunde oder – Wie Augenspiegel, Aquarelle und Lidsperrer im 19. Jahrhundert das Sehen sichtbar machten

1888 riefen Kollegen des früh verstorbenen Berliner Augenarztes Albrecht von Graefe zur Einsendung von Objekten aus seinem Nachlass auf, um dessen Zerstreuung zu verhindern. Bereits nach einem Jahr umfasste das Graefe-Museum 110 Stücke. Von Graefe gilt als Begründer der wissenschaftlichen Augenheilkunde; die erhaltenen Objekte verweisen jedoch über seine Person hinaus. Sie geben Einblick in klinische Praxis, wissenschaftliche Infrastruktur und Laborprozesse und veranschaulichen das Sichtbarkeitsideal der empirischen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts. Ausgehend vom Augenspiegel untersucht der Vortrag diese Zusammenhänge und hinterfragt die verbreitete Deutung des 19. Jahrhunderts als Übergang vom physikalischen zum physiologischen Regime.

Mittwoch, 17. Juni, 18.00 Uhr

Gabriele Lingelbach (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel):
Disability-History. Wissen im Wandel?

In allen vergangenen Gesellschaften gab es stets eine zahlenmäßig bedeutsame Gruppe von Menschen, die sich von der Mehrheit durch besondere, als defizitär kategorisierte, körperliche, geistige oder psychische Merkmale unterschieden. Wie aber Behinderung definiert wurde, wer zur Gruppe der Menschen mit Behinderungen hinzugezählt wurde und wer nicht, dies unterlag einem deutlichen Wandel. Ein solcher Wandel fand auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ‚Behinderung‘ statt. Denn das Phänomen wurde konzeptionell zunächst vor allem in medizinischen Kategorien gefasst, später kam sozialwissenschaftliche, noch später kulturwissenschaftliche Ansätze stärker zum Tragen. Auch die Wissensproduktion im Rahmen der Disability History hat eine entsprechende Entwicklung durchgemacht, weist aber auch einige Spezifika auf.

Mittwoch, 1. Juli, 18.00 Uhr

Sophie Witt (Universität Hamburg):
Körper, Macht, Gesellschaft: Umkämpfte Wissensordnungen der Gynäkologie

Wie wird gynäkologisches Wissen erzeugt, verbreitet und hinterfragt? Der Vortrag stellt ein bilinguales Seminar der Universität Hamburg vor, das im Schnittfeld von Literaturwissenschaft, Medical und Health Humanities und Cultural Studies kulturelle Konstruktionen des weiblich codierten Körpers untersucht. Ausgehend von historischen Wissensbeständen analysierten Studierende deutsch- und englischsprachige Gegenwartstexte zu Menstruation, Reproduktion und (queerem) Recht, Geburt und Elternschaft, Menopause, Endometriose, Vulva-Diskursen und Aktivismus. Im Zentrum stand die Frage, wie gynäkologische Wissensordnungen als kulturell geprägte und politisch umkämpfte Ordnungen von Körper, Macht und Gesundheit sichtbar werden. Abschließend wird das Potenzial forschend-kreativer Wissensformen für kritische Körperpolitiken und interdisziplinäre Gesundheitsdiskurse diskutiert.

Für Teilnehmende der Vorlesungen ist der Besuch im Medizinhistorischen Museum ab 17 Uhr kostenlos. Für Belange der Barrierefreiheit kontaktieren Sie uns bitte vorab: medizinhistorisches-museum@uke.de

Veranstaltungsort
Hörsaal des Fritz-Schumacher-Hauses (N30)
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Martinistraße 52, 20251 Hamburg

Koordination und Kontakt
Anja Sattelmacher
Telefon: +49 (0) 04 7410 55363
E-Mail: a.sattelmacher@uke.de

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