Bearbeitung: Sina Oelrich M. A.
oelrich@zeitgeschichte-hamburg.de
Forschungslinie: Der Nationalsozialismus und seine „zweite Geschichte“
Im Rahmen des Projekts wird zu illegalen Schwangerschaftsabbrüchen von Schwangeren aus der „Volksgemeinschaft“ während des Nationalsozialismus in Hamburg geforscht. Im Zentrum stehen die Handlungsspielräume der betroffenen Frauen, Unterstützungs- und Denunziationsnetzwerke sowie die gesellschaftliche Kommunikation über Abtreibungen vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Biopolitik.
Die Untersuchung fragt, wie staatliche Vorstellungen von „erwünschter“ Reproduktion im Alltag wirksam wurden und unter welchen Bedingungen Frauen ungewollte Schwangerschaften abbrachen. Dabei wird untersucht, welche Bedeutung soziale Netzwerke und materielle Ressourcen für die Durchführung und das Verbergen von Schwangerschaftsabbrüchen hatten, wie Frauen Zugang zu Medikamenten, Instrumenten und unterstützenden Personen erhielten und welche sozialen Mechanismen von Kontrolle, Überwachung und Denunziation dabei wirksam wurden. Neben den Schwangeren werden dabei auch die an den Abtreibungen beteiligten Akteur:innen – wie Ärzt:innen, Hebammen und Laienabtreiber:innen – in den Blick genommen. Zugleich wird gefragt, welches Wissen über Schwangerschaft und Abtreibungen zirkulierte und wie über Schwangerschaftsabbrüche gesellschaftlich kommuniziert wurde.
Das Projekt untersucht Schwangerschaftsabbrüche als Aushandlungsfeld zwischen individueller Handlungsmacht und nationalsozialistischer Biopolitik und ermöglicht einen differenzierteren Blick auf das Verhältnis von staatlicher Kontrolle, sozialen Beziehungen, Wissen und individuellen Handlungsspielräumen. Damit leistet das Projekt unter anderem einen Beitrag zur Sozial-, Stadt-, Geschlechter- und Wissensgeschichte sowie zur NS-Forschung.