Bearbeitung: Dr. Pascal Eitler
eitler@zeitgeschichte-hamburg.de
Forschungslinie: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte
Das von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geförderte Forschungsprojekt widmet sich der öffentlichen Auseinandersetzung und dem gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen Mitte der 1960er und Ende der 1980er Jahre. Es rückt nicht den Missbrauch selbst ins Zentrum des Interesses, sondern dessen unterschiedliche Darstellung und Erklärung, nicht selten Verharmlosung oder sogar Rechtfertigung – das populäre Wissen über sexualisierte Gewalt gegenüber Minderjährigen einerseits und die fragliche Sexualität von Minderjährigen andererseits, so wie dieses in großen westdeutschen Sexzeitschriften wie der „Praline“ oder der „Wochenend“ und zahlreichen anderen Massenmedien breitenwirksam vermittelt und oftmals verknüpft wurde. Insofern sich die sexualisierte Gewalt zumeist gegen zuvor bereits mannigfach sexualisierte Minderjährige richtete, so die Hypothese, bildet dieses populäre Wissen den entscheidenden, aber bislang zu wenig beachteten Kontext, innerhalb dessen es den Missbrauch an Kindern und Jugendlichen zu rekonstruieren und zu analysieren gilt. Anstatt die Sexualitätsgeschichte dabei weiterhin vor allem in ihrem Verhältnis zur Politikgeschichte zu verfolgen, befragt das Forschungsprojekt sie als Wissensgeschichte sehr viel stärker in kindheits- und geschlechterhistorischer sowie in bild- und gewalthistorischer Perspektive.