Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil haben in der Weimarer Republik diverse politische Akteur:innen die NSDAP mitnichten verharmlost, sondern ihre Gefährlichkeit früh richtig eingeschätzt.1 Dazu gehört insbesondere der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (im Folgenden C.V.), der den völlig enthemmten Antisemitismus lange vor der Septemberwahl 1930 registrierte und Gegenmaßnahmen ergriff.2 Immer wieder thematisierte und kritisierte der C.V. in seinen Publikationen antisemitische Hetze. Dabei versuchte er vernünftig sowie sachlich und vor allem auch von einem „unparteilichen“ her Standpunkt zu argumentieren.3
Intern waren sich einige Verantwortliche des C.V. darüber im Klaren, dass Sachlichkeit allein nicht ausreiche. Und so gründete der C.V. das „Büro Wilhelmstrasse“, das halb im Verborgenen unter Namen wie beispielsweise „Bund Deutscher Aufbau“ auf nationalsozialistische und antisemitische Propaganda mit Gegenpropaganda antworten sollte.4 Neben jüdischen Akteur:innen wie dem C.V.-Syndikus Hans Reichmann und dem Archivar Adolf Rubinstein stellte das Büro auch Walter Gyßling ein. Gyßling, selbst nicht jüdisch, war als früh für die Republik votierender Journalist speziell in der Sozialdemokratie und dem Reichsbanner bestens vernetzt.5 Er baute ein Archiv auf, in dem er alle relevanten Nachrichten über die NSDAP sammelte, und erstellte das Handbuch „Der Anti-Nazi“6, das Argumentationshilfen gegen die Propaganda der NSDAP für nahezu alle Bereiche des politischen Lebens bot (man kann regelrecht von einem „Fakten-Check“ sprechen). Daneben verfasste Gyßling zahlreiche Artikel und Broschüren.



Dank einer Übernahme aus dem FZH-Archiv verfügt die Bibliothek nun über eine dieser Broschüren im Original. „Ganz was Neues“ zur Reichstagswahl 19307 zeigt, wie Gyßling vorging: Nicht sachlich, sondern polemisch entlarvend versuchte er, die Nationalsozialisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wobei er sich, gestützt auf sein Archiv, immer an die Fakten hielt. Wiesen die Nazis höhnisch auf Skandale in den demokratischen Parteien hin, antwortete Gyßling nicht etwa sachlich, dass es in allen Gesellschaften Unzulänglichkeiten gebe, was freilich nicht gegen die Demokratie insgesamt spreche. Stattdessen verwies er nach dem Motto ‚Auf einen Schelmenstreich gehören anderthalben‘ auf die Korruption in der NSDAP etwa in Coburg, wo die Nationalsozialisten seit 1929 regierten (vgl. Abb. 1) oder darauf, dass auch die Nazis 1929 im Korruptionsskandal um die jüdischen Sklarek-Brüder die Hand aufgehalten hätten (vgl. Abb. 2).
Gyßling scheute sich also nicht, aus Gründen der Wirksamkeit geistig-politisch problematische Gedankenwelten und Narrative aufzurufen. Mehrfach appellierte er an einen heldenhaften Patriotismus. Dies zeigt sich prägnant auf Seite 23, wo er Hellmuth von Mücke zu seinem Kronzeugen macht. Dieser war ein damals bekannter „Kriegsheld“ aus dem Ersten Weltkrieg, ähnlich dem Flieger von Richthofen oder dem U-Boot-Kommandanten Weddigen. Von Mücke, politisch ein unklarer Wanderer zwischen links und rechts, war tatsächlich einige Zeit Mitglied der NSDAP gewesen, bevor er sich enttäuscht zurückzog. Das Zitat von Mückes, die NSDAP sei „ein Saustall“,8 dürfte aus Gyßlings Archiv stammen und echt sein (vgl. Abb. 3).
Am Ende deutet Gyßling noch den bekanntesten Nazi-Slogan „Deutschland erwache!“ um: Auf der letzten Seite der Broschüre lesen wir „Darum: Deutschland erwache! Los von Hitler!“ (vgl. Abb. 4).
Der C.V. hatte nur beschränkte Ressourcen, die Broschüre fand daher keine weite Verbreitung. Was sie hätte bewirken können, wenn jeder deutsche Haushalt eine erhalten hätte, bleibt Spekulation.
(Hartmut Finkeldey)


Quellen und Literaturverzeichnis
1 Vgl. hierzu: Fabry, Philipp W., Mutmaßungen über Hitler, Düsseldorf 1969 (Bibliothekssignatur III Ck 627).
2 Vgl. Sax, Simon: Flugschriften des Bundes Deutscher Aufbau. Kommunikate aus dem jüdischen Abwehrkampf 1929–1933. Medaon 13, http://www.medaon.de/pdf//medaon_25_sax-2.pdf (aufgerufen am 01.09.2026) sowie Bering, Dietz, Geeinte Zwienatur. Zur Struktur politischer Perspektiven im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, in: Koebner, Thomas (Hrsg.), Weimars Ende, Frankfurt/Main 1982, S. 182–203 (I Rk 53).
3 Bering, Geeinte Zwienatur, S. 189 ff.
4 Zu den Hintergründen vgl.: Sax, Flugschriften sowie Leonidas Hills Einleitung in: Gyßling, Walter: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Mit einer Einleitung von Leonidas Hill und dem Handbuch „Der Anti-Nazi“, Bremen 2013 (III Ke 114).
5 Hill, in: Gyßling, Handbuch, S. 14 ff.
6 Vollständig abgedruckt in: Gyßling, Walter, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Mit einer Einleitung von Leonidas Hill und dem Handbuch „Der Anti-Nazi“, Bremen 2013 (III Ke 114).
7 Vgl. Gyßling, Walter, Ganz was Neues, Broschüre des Bundes Deutscher Aufbau, Berlin 1930 (I Np 70).
8 Gyßling, Ganz was Neues, S. 23.
Alle Fotos stammen aus der Bibliothek der FZH.