Anlässlich des Starts der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko im Juni 2026 stellt die Bibliothek der FZH in ihrer Reihe „Fundstücke“ dieses Mal einige Publikationen vor, die sich dem Thema Fußball nicht nur aus sportlicher Sicht widmen. Fußball gilt als die populärste Sportart in Deutschland und war schon immer mehr als nur ein Spiel: Sie wird durch bestimmte Deutungsmuster und „diskursive Rahmungen“ geprägt (vgl. Knoch, „Wembley-Tor“, S. 33–36) und ist mit Bedeutungen aufgeladen. Dadurch ist Fußball nicht nur ein sportliches, sondern auch ein gesellschaftliches und politisches Phänomen, selbst wenn Sport auf den ersten Blick als etwas Nebensächliches erscheinen mag.
Bisweilen ist der Zusammenhang zwischen Sport und Politik ganz direkt spürbar. So etwa 1974 beim deutsch-deutschen WM-Vorrundenspiel in Hamburg (vgl. Kleßmann, Sparwasser-Tor) oder beim „Kracher von Moskau“ (vgl. Grimm, Kracher von Moskau, Abb. 1), einem Spiel zwischen den Mannschaften der UdSSR und der Bundesrepublik, das keineswegs zufällig am 21. August 1955 drei Wochen vor Konrad Adenauers Moskau-Reise ausgetragen wurde (die UdSSR gewann gegen den amtierenden Weltmeister 3:2). Adenauer war, wie Matthias Kneifl in seinem Beitrag „Fußball in der westdeutschen Außenpolitik“ (vgl. Kneifl, Außenpolitik) herausarbeitet hat, über die Ansetzung des Spiels alles andere als erbaut. Im Hintergrund drängte man insbesondere den damaligen DFB-Präsidenten Peco Bauwens zu verbaler Zurückhaltung. Mit einigem Recht: Bauwens nationalistische Rhetorik war berüchtigt und gefürchtet – insbesondere seine Münchener Rede nach dem WM-Sieg 1954, in der er ein „Führerprinzip im guten Sinne des Wortes“ als eine Ursache des deutschen Sieges pries, führte weithin zu Irritationen (vgl. Heinrich, Tooor! Toor! Tor!, S. 92, Abb. 2).


Zum Thema „Fußball im Nationalsozialismus“ gibt es einige Publikationen in der Bibliothek: so das bekannte Werk von Oliver Havemann „Fußball unterm Hakenkreuz“ aus dem Jahr 2005, das nach Erscheinen kontrovers diskutiert wurde. So warf etwa Georg Lützenkirchen Havemann ein „angestrengtes Bemühen“ vor, den DFB als lediglich opportunistisch und nicht ideologiegetrieben zu verharmlosen (vgl. Lützenkirchen, Versagen).
Besonders interessant für die FZH-Bibliothek sind Veröffentlichungen, die einen Bezug zu Hamburg zeigen, wie der kürzlich von Werner Skrentny neu herausgegebene Band „Die Raute unterm Hakenkreuz“ (Abb. 3). Neben Darstellungen der prominenten HSV-Spieler – der spätere SS-Mann Otto Harder, der später politisch verfolgte Norweger Asbjørn Halvorsen, Erwin Seeler, Rudi Noack – finden sich dort biografische Skizzen auch weniger bekannter HSV-Mitglieder. Einer von ihnen war Esegel „Erich“ Melkonian. Der in Armenien geborene staatenlose Fußballer war zunächst von Verfolgung bedroht – so hieß es 1942 seitens des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen, „Armenier sind genauso zu behandeln wie Volljuden“ (zit. nach Skrentny, Raute, S. 288). In der Folge wurde Melkonian jedoch unter Rückgriff auf antisemitische Argumentationsmuster von dieser Einstufung ausgenommen: „Die Armenier sind uralte Judenhasser […]“ (zit. nach Skrentny, Raute, S. 289). Auf diese Weise wurde er schließlich von der Liste der Verfolgten gestrichen.
Im Bestand vorhanden sind auch Publikationen zur aktuellen Situation des Sports – etwa die von der Rosa Luxemburg Stiftung herausgegebene Broschüre „Foulspiel mit System“ über die Missachtung von Menschenrechten rund um die WM in Katar 2022. So merkt Ronny Blaschke an: „Im Fußball kommen Sponsoren und Gastgeber zunehmend aus autoritär regierten Staaten. Wie können Fans und Vereine in Europa konstruktiv für Menschenrechte in der Ferne eintreten?“ (Blaschke, Foulspiel, S. 30, Abb. 4).
Auch über die aktuelle Fußball-WM hinaus wird die Bibliothek der FZH dem Themenfeld „Fußball und Sport“ weiterhin Beachtung schenken und lädt Nutzer:innen ein, den umfangreichen Bestand zu erkunden.
(Hartmut Finkeldey)


Literatur
Blaschke, Ronny et al. (Hrsg.): Foulspiel mit System, was wir von der umstrittenen WM in Katar lernen können, Berlin 2021 (FZH-Signatur Sig: I Kn 27).
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg 2007 (Hrsg.): Zeitgeschichte in Hamburg. Nachrichten aus der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg 2006, https://zeitgeschichte-hamburg.de/publikation-detail/jahresbericht-2006.html (PDF). Darin folgende Beiträge zum Thema Fußball:
Grimm, Thomas (Hrsg.): Der Kracher von Moskau, Fußball zwischen Politik und Sport – Das Länderspiel Sowjetunion gegen die Bundesrepublik Deutschland am 21. August 1955, Bonn 2015 (FZH-Signatur Sig: I Kn 23).
Kneifl, Matthias: Fußball in der westdeutschen Außenpolitik, in: Grimm, Thomas (Hrsg.), Kracher von Moskau, Bonn 2015, S. 57–78.
Havemann, Oliver: Fußball unterm Hakenkreuz, Frankfurt / New York 2005 (FZH-Signatur III Qm 17).
Heinrich, Artur: Tooor! Toor! Tor! 40 Jahre 3:2, Berlin 1994 (FZH-Signatur I Kn 14).
Lützenkirchen, Georg H.: Zivilgesellschaftliches Versagen. In „Fußball unterm Hakenkreuz“ beschreibt Nils Havemann die Rolle des DFB während der nationalsozialistischen Herrschaft, in: literaturkritik.de, https://literaturkritik.de/id/8812 (zul. aufgerufen am 2.6.2026).
Skrentny, Werner (Hrsg.): Die Raute unterm Hakenkreuz, Bielefeld 2026 (FZH-Signatur III Tb 386).