Franz Hengsbach (1910–1991) zwischen klerikaler Macht und sexueller Gewalt

Bearbeitung: Dr. David Rüschenschmidt
rueschenschmidt@zeitgeschichte-hamburg.de

Forschungslinie: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte

Franz Kardinal Hengsbach, der als Gründungsbischof des Bistums Essen über 30 Jahre lang amtierte, galt lange als eine Lichtgestalt des deutschen Katholizismus. Sein Wirken prägte nicht nur die Ruhrgebietsdiözese maßgeblich, sondern hatte weitreichenden Einfluss auf die katholische Kirche in der Bundesrepublik und in der Welt. Im Jahr 2023 allerdings wurde dieses Bild erschüttert: Das Bistum Essen und die Erzdiözese Paderborn machten öffentlich, dass gegen Hengsbach Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegenüber Minderjährigen vorliegen. Seit September 2024 werden die Vorwürfe unter historisch-biografischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven von der FZH und dem Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) untersucht.

Das Forschungsprojekt widmet sich der komplexen Figur des Kardinals und Ruhrbischofs Franz Hengsbach, einem der einflussreichsten deutschen Kirchenmänner des 20. Jahrhunderts. Dabei wird ein historisch-biografischer Ansatz verfolgt, der Hengsbachs Werdegang und seine Amtszeit in den breiteren Kontext der religions- und kulturhistorischen Entwicklungen im westdeutschen Katholizismus einbettet.
Methodisch und konzeptionell arbeitet das Projekt macht- und sozialanalytisch. Unter Rückgriff auf das Konzept des Habitus wird Hengsbachs Laufbahn als Ergebnis strategischer Positionierungen im katholischen Feld lesbar. Für die Jahrzehnte im Bischofsamt wird am Beispiel Franz Hengsbachs der Frage nachgegangen, wie sich ein öffentliches Selbstbild der Kirche als Sozial- und Moralinstanz und eine davon abweichende Praxis der Ermöglichung und Vertuschung von Missbrauch zueinander verhielten. Das Projekt verspricht wichtige Erkenntnisse zur wahrscheinlichen Täterschaft eines hochrangigen Kirchenvertreters in Deutschland und zur Funktionsweise kirchlicher Machtstrukturen. Es strebt damit an, einen Beitrag zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche zu leisten und ein breit angelegtes Bild von der Person Franz Hengsbachs zu zeichnen.

Ein in Kooperation mit dem IPP erarbeiteter Zwischenbericht, der im historisch-biografischen Teil die Vorwürfe gegen Hengsbach in dessen Lebens- und Karriereweg einordnet, liegt mit dem 25. Juni 2026 vor. Weiterführende Informationen dazu finden Sie auf der Website des IPP, Zudem werden Betroffene und Zeitzeug:innen in einem Aufruf ausdrücklich dazu ermutigt, sich zu melden und ihre Erfahrungen zu teilen.

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