#2, August 2026

Tennis vor den Toren Hamburgs – Der Othmarscher „Katinka Club“

Hamburg gilt als die Wiege des Tennis in Deutschland. 1892 eröffnete, nach dem Vorbild des englischen Lawn-Tennis, das erste große Rasenturnier – Auftakt der internationalen Meisterschaften, die seit 1894 auf dem Gelände am Rothenbaum stattfanden. Ende des 19. Jahrhunderts erfreute sich der „weiße Sport“ in bürgerlichen Kreisen großer Beliebtheit. In Hamburg gründeten sich mehrere Vereine, die beiden Geschlechtern offenstanden. Man ging Bewegung und Vergnügen nach, ebenso „ließen sich geschäftliche Kontakte knüpfen, aber auch Partner:innen für Liebesbeziehungen und Eheschließungen finden.“ (vgl. Lars Amenda)
Einzigartiges Zeugnis eines tennisbegeisterten Freund:innenkreises ist das schmale, in braunes Leder gebundene Album mit dem goldgeprägten Titel „Katinka Club“. Es steht in der Tradition des Album Amicorum beziehungsweise Stammbuches, eines „gemischtmedialen Sammelmediums“, dessen Geschichte sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt (vgl. Werner Wilhelm Schnabel). Formal handelt es sich um buchartige Objekte mit handschriftlichen, teils poetischen, teils formalisierten Einträgen unterschiedlicher Personen, oft mit Bildbeigaben, manchmal mit Realia wie einer Haarlocke. Obligatorisch sind Huldigungen an den Stammbuchhalter. In Theologen-, Adels- und Gelehrtenkreisen, unter Künstler:innen und Musikliebhaber:innen erfüllten Stammbücher unterschiedliche Funktionen – Erbauung und Lehre, Sammlung von Autografen, Repräsentation, Erinnerung an vergangene Lebensphasen und mehr.

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Abb. 1: Von links nach rechts, sitzend: Anna Petersen, Robert Böhl, Güssefeld; stehend: Harald Poelchau, Margarethe Böhl, Alice O’Swald, Carl Philipp Krutisch, Meta Lorenz Meyer, Jochheim, Lulu Petersen, o. D.

Das Album des „Katinka Clubs“ beeindruckt durch seine Kunstfertigkeit, unterhält mit scherzhaften bis nachdenklichen Versen, präsentiert Schmuckseiten mit Zeichnungen und Aquarellen und birgt selbst Zeichen einer Liebesgeschichte. Auf der Titelseite des Büchleins befindet sich die Fotografie einer Gruppe von je fünf Frauen und Männern, die in zeitgenössischer Tenniskleidung vor einer romantischen Kulisse posieren (vgl. Abb. 1). Es folgen 14 ganzseitige Einträge aus den Jahren 1884 bis 1886. Die Porträtierten und Inskribent:innen gehörten vor allem aus Politik, Justiz, Wirtschaft und Bankwesen bekannten Hamburger Familien an – Petersen, Poelchau, O’Swald, Lorenz Meyer, Amsinck und andere. Das erste Blatt skizziert zwei Paare auf einem Spielfeld, darunter die Zeilen: „Herrliches Lawn-tennis Spiel, wie hoch beglückst Du Jeden, wenn am festlichen Morgen, heiter die Sonne uns lacht. Meta Meyer. Spielverderbendes Mitglied des Othmarscher Katinka Clubs. Motto: Geduld, Geduld, verlass mich nicht!“

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Abb. 2: Buchmalerei von Carl Phillipp Krutisch, 1885

Der Architekt Carl Phillipp Krutisch sticht mit einer regelrechten Buchmalerei hervor: Von einem architektonischen Rahmen, der figürlich und floral ausgeschmückt ist, wird ein weißer Vorhang gehalten, der mit einem Gedicht beschrieben ist. Auf Höhe des Gebälks prangt in schwarzen Zierbuchstaben auf Goldgrund „LAWN TENNIS“. Links steht eine allegorische Frauenfigur, eine Amazone in Tennisgewand, die mit ihrer Waffe, dem Schläger, auf den Schriftzug weist. Unten, von einem Blätterbogen umspannt, ein kleines Stillleben mit Blick auf das strohgedeckte Sommerhaus der Familie von Dr. Gustav Petersen, dem ältesten Sohn des Hamburger Bürgermeisters Carl Friedrich Petersen, in Othmarschen – eine Referenz an die Gastgeber des Clubs. Die angedeutete Beschriftung auf der Flasche mag eine Anspielung auf den Cocawein sein, der in einem zeitgenössischen Lehrbuch als Aufputschmittel vor schweren Spielen empfohlen wird (vgl. P. A. Vaile, vgl. Abb. 2).

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Abb. 3: Das Ulmenblatt von J. Wesselhoeft, der 1888 Anna Petersen heiratete, ist leider beschädigt. Sein Eintrag als „Mitglied in absentia“ – er berichtet in seinen Lebenserinnerungen, dass er immer erst nach dem Tennisspiel zum Abendessen kommen konnte – lautet: „Der Rest ist Schweigen …“, o. D.

Rätselhaft verbliebe der Eintrag von J. Wesselhoeft (vgl. Abb. 3) läge dem Band nicht ein Brief zweier Cousinen aus dem Jahr 1965 bei, deren Mütter die tennisspielenden Schwestern Anna und Luise Petersen waren. Er klärt auf, dass die Liebesgeschichte zwischen Anna und Johannes Wesselhoeft mit einem Ulmenblatt zu tun hatte und auch, dass Luise („Lulu“) Katinka Petersen die Namensgeberin des „Katinka Clubs" war (vgl. Abb. 4).

Die Tochter von Luise (seit 1886 verheiratete Sperber), Charlotte, an die besagter Brief gerichtet ist, war die Witwe des Hamburger Neurologen Max Fraenkel, der sich 1938 unter dem Druck des nationalsozialistischen Antisemitismus das Leben nahm. Ihre Kinder Ulla und Ilse (verheiratete Jochimsen) trugen das Familienarchiv Fraenkel/Jochimsen zusammen und übereigneten es dem Archiv der FZH (zu finden unter der Signatur BA 005).

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Abb. 4: Brief von Elisabeth Fischer, geb. Wesselhoeft (Lieschen), an Charlotte Fraenkel, geb. Sperber (Lottchen), 1965

Literatur

Lars Amenda, Sports! Bürgerlicher Sport im Kaiserreich 1871–1914 , in: Digitales Geschichtsbuch Hamburg (zuletzt aufgerufen am 8.7.2026).

Werner Wilhelm Schnabel, Das Album Amicorum. Ein gemischtmediales Sammelmedium und einige seiner Variationsformen, in: Anke Kramer/ Annegret Pelz (Hrsg.): Album. Organisationsform narrativer Kohärenz, Göttingen 2013, S. 213–239.

Carl Johannes Wesselhoeft und seine Verwandtschaft. Nach Aufzeichnungen von G.M. Johannes Wesselhoeft, zusammengestellt von Elisabeth Fischer geb. Wesselhoeft, Privatdruck, Hamburg 1969.

P.A. Vaile: Lawn Tennis von heute, Hamburg 1905.

(Text: Kirsten Schaper, Fotos: Archiv der FZH)

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