Vortragsreihe

Erinnern, Erzählen, Geschichte schreiben. Oral History im 21. Jahrhundert.

In den letzten 30 Jahren hat sich der Umgang mit Interviews in der Geschichtswissenschaft verändert. Sie gelten heute als bedeutende Quellen für eine Erfahrungsgeschichte, die sich dafür interessiert, wie Menschen sich ihre Geschichte erklären. Mit der Vortragsreihe möchten wir diesen Wandel der Oral History diskutieren und ältere und jüngere Interviewsammlungen vorstellen, die sich mit der DDR-Geschichte, der Alltagsgeschichte und den Erinnerungen von Tätern und Profiteuren des Nationalsozialismus beschäftigen.  

Alle Vorträge finden in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte statt.

Donnerstag, 14.5.2020, 18.30 Uhr
Linde Apel (FZH): Das Gedächtnis der Stadt? Mündliche Quellen in der Zeitgeschichte
Moderation: Kirsten Heinsohn (FZH)

Die Werkstatt der Erinnerung gehört zu den ältesten Oral History-Archiven der Bundesrepublik. Zu ihrem Gründungsauftrag gehörte es, „die unschätzbaren geschichtlichen Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen, vor allem an die Jahre 1933 bis 1945“ zu sammeln und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Einrichtung der Werkstatt der Erinnerung steht damit im direkten Zusammenhang mit geschichtspolitischen Debatten und Veränderungen in der Geschichtswissenschaft der 1980er Jahre. Der Vortrag wird auf die Diskussionen um den Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg ebenso eingehen wie auf neue methodische Zugriffe und inhaltliche Fragen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Dabei werden die Entwicklung und die inhaltliche Konzeption der Werkstatt der Erinnerung, aber auch Fragen danach, wie mündliche Quellen heute beurteilt werden, wozu sie gebraucht werden und welche Geschichte sich mit Hilfe von Interviews schreiben lässt, im Zentrum stehen.

Donnerstag, 28.5.2020, 18.30 Uhr
Patrick Wagner (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg):  Die privatisierte Erfahrung. Ein Oral History Projekt in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Moderation: Yvonne Robel (FZH)

Das vorzustellende Projekt begann mit einem Seminar zum Binnenleben von DDR-Betrieben an der Universität Halle. Zehn „Seniorenstudenten“ – darunter eine Krankenschwester, ein Ex-Kombinatsdirektor und ein Ingenieur – sollten Studierenden ihre Erfahrungen aus der Arbeitswelt der 1980er Jahre mitteilen. Aber einmal in Gang gekommen sprachen sie vor allem über die 1990er Jahre. Und selbst wenn sie über ihr Leben in der DDR räsonierten, bildeten die Jahre nach der „Wende“ stets den impliziten Bezugspunkt.
Ausgehend von dieser Beobachtung führt der Referent regelmäßig Seminare durch, in denen Geschichtsstudierende die Methode Oral History in Interviews mit Menschen aus Sachsen-Anhalt einüben. So entsteht zugleich ein Bestand von Interviews mit Ostdeutschen der Jahrgänge 1940 bis 1955, der als Basis einer Erfahrungsgeschichte der Transformation dienen kann. Denn die Ausgangsbeobachtung hat sich bestätigt: Was Ostdeutsche über die DDR oder die Gegenwart denken, speist sich aus ihren Erfahrungen der 1990er Jahre, als aus ihren volkseigenen privatisierte

Donnerstag, 18.6.2020, 18.30 Uhr
Christiane Kuller und Patrice G. Poutrus (beide Forschungsstelle für Zeitzeugenbefragung, Universität Erfurt): Diktaturerfahrung und Familiengedächtnis: DDR-Zeitzeugen und Oral History
Moderation: Lena Langensiepen (FZH)

Das Bild von der DDR-Zeit beruht heute nur zum Teil auf kritisch-reflektiertem Wissen. Eine zentrale Rolle spielen auch lebensweltliche Erfahrungen, die im Familiengedächtnis tradiert werden und die den Mittelpunkt unseres Forschungsprojektes bilden. Thema des Vortrags sollen nicht nur die möglichen Inhalte der Familienerinnerungen, sondern auch die methodischen Herausforderungen des Projektes sein: Angesichts der Ablehnung vieler ZeitzeugInnen gegenüber wissenschaftlichen Forschungsergebnissen stellt sich die Frage, wie zusammengeführt werden kann, was von vielen ZeitzeugInnen vehement getrennt wird? Wie können (und sollen) sich Oral-Historians und InterviewpartnerInnen „auf Augenhöhe“ begegnen? Ausgehend von diesen Fragen stellen wir den Erfurter Ansatz einer „partizipativen Erinnerungsforschung“ vor: Was bedeutet Partizipation, die nicht nur ForscherInnen in die Alltagswelten von ZeitzeugInnen, sondern auch ZeitzeugInnen in die Forschungswelten von Oral-Historians bringt?

Donnerstag, 25.6.2020, 18.30 Uhr
Stefanie Rauch (Institute of Advanced Studies London): Die Grenzen der Oral History? Herausforderungen und Perspektiven der Arbeit zu NS-Täterschaft  
Moderation: Linde Apel (FZH)

Die audio-visuellen Zeugnisse der NS-Verfolgten sind aus der Forschungs-, Gedenk-, und Bildungslandschaft mittlerweile kaum noch wegzudenken. Anders verhält es sich mit den Lebensgeschichten derjenigen, die sich im “Dritten Reich” auf der Seite der TäterInnen befanden. Mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören ist umstritten. Es gibt also vergleichsweise wenige Ton- und Videoaufnahmen. Davon sind längst nicht alle für die Forschung erschlossen. Wie gehen Institutionen und Forschende—InterviewerInnen und SekundärnutzerInnen—mit solchen Quellen um? Was können diese Aufnahmen zu unserem Verständnis der NS-Zeit beitragen, wo liegen ihre Grenzen? Verdienen sie gar einen Platz in der Bildungsarbeit? Und sind Geschichte und Diskurse des (Nicht-)Sammelns selbst Teil der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit? Dieser Vortrag wird diesen und weiteren Fragen nachgehen und erörtern, inwieweit und mit welchen Folgen die Oral History dieses Feld dem Journalismus und Dokumentarfilm überlassen hat.

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