Struktur- und Funktionswandel des Hamburger Hafens seit den 1950er Jahren

 
Bearbeiter: Dr. Christoph Strupp
 
Forschungsfeld: Hamburg seit den 1950er Jahren
 
Von Seehäfen und Hafenstädten geht eine besondere Faszination aus: Sie stehen für Mobilität von Menschen und Waren, für Offenheit und Internationalität. Die Vorstellungen von Hafenstädten als Orten von Lärm, Schmutz und Kriminalität hat das moderne Stadt-Marketing erfolgreich in den Hintergrund gedrängt: Stattdessen feiert man sich als „Tor zur Welt“. Die großen Projekte der Stadterneuerung, die in vielen Hafenstädten Teile der „Waterfront“ für eine neue Nutzung als Wohn- und Dienstleistungsstandort freigegeben haben – in Hamburg die 1997 öffentlich vorgestellte „HafenCity“ –, schließen an diese positiven Bezüge an.

Fragen nach dem Image von Hafenstädten und ihrer kulturell und architektonisch spektakulären Neuerfindung haben parallel dazu auch die Forschung bestimmt. Die Untersuchung der wirtschaftlichen und politischen Dimension der Seehäfen ist dagegen in den Hintergrund getreten. Es gibt nur wenige Studien, die sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive mit der Hafenwirtschaft seit den 1950er Jahren befassen. Dabei spiegeln sich in der Geschichte der Häfen und dem Wandel ihrer Funktionen zentrale weltwirtschaftliche Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre: von der schrittweisen Liberalisierung und Deregulierung des Handels über die Neuorientierung von Warenströmen und die Etablierung von „Just-in-time“-Produktionsverfahren bis hin zum Aufschwung und Niedergang von Rohstoffen wie Kohle oder Erdöl und der Globalisierung des Güterverkehrs seit den 1990er Jahren.

Die Strukturen der Seehäfen und die Arbeitsabläufe waren allerdings durch den Übergang von Handels- zu Industrie- und Distributionshäfen und die damit einhergehenden Entwicklungen bei Technik und Logistik (Container, Automatisierung) dramatischen Veränderungen unterworfen. Dieser Prozess weist im Prinzip weltweit ähnliche Merkmale auf, die sich aus der Schlüsselfunktion der Häfen für die transnationalen und transkontinentalen Wirtschaftsbeziehungen ergeben. Die konkreten Ausprägungen, die zeitliche Bestimmung der einzelnen Phasen, die politischen und gesellschaftlichen Kontexte sind dagegen an den jeweiligen Standorten unterschiedlich und können nur durch Einzelfalluntersuchungen näher bestimmt werden. Eine solche Untersuchung soll für den Hamburger Hafen als ersten der großen europäischen Häfen vorgelegt werden. Dabei werden wirtschaftsgeschichtliche und politik- bzw. gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen verknüpft. Inhaltliche Schwerpunkte der Studie sind neben der wirtschaftlichen und räumlichen Entwicklung des Hafens im engeren Sinn u.a. der Hafen als Triebkraft Hamburger Ost- und Westeuropa-Politik sowie regionaler Kooperationen und Konflikte, stadtnahe und stadtferne Hafenerweiterung im Spannungsfeld von Wirtschafts-, Umwelt- und Anwohnerinteressen, Industrialisierung und Deindustrialisierung.

Die im Entstehen begriffene Strukturgeschichte des Hafens bietet über die Kontextualisierung Hamburger Stadgeschichte hinaus wie bei kaum einem anderen Untersuchungsfeld die Möglichkeit, lokale mit nationalen und internationalen Entwicklungen zu verknüpfen. Das gilt für die Wirtschaftswunderjahre ebenso wie für den zuletzt in der Zeitgeschichte hervorgehobenen Strukturbruch der frühen 1970er Jahre oder die Globalisierung der jüngsten Zeit. Die Komplexität des Hafens mit seinen räumlichen, stadtplanerischen, politischen, makroökonomischen und unternehmensgeschichtlichen Dimensionen eröffnet hier weitreichende Perspektiven.
 

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