Abgeschlossene Projekte

Badlands oder die moralische Ökonomie der Wohlstandsgesellschaft. Urbane Marginalität in Frankreich und Westdeutschland, 1950-1990.

Bearbeitung: Dr. Christiane Reinecke

Forschungsfeld: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte

„Ghetto“ und „Banlieue“ sind mittlerweile weit über die USA und Frankreich hinaus zu Codewörtern für urbane Konfliktzonen geworden, in denen sich die Probleme sozial marginalisierter Gruppen verdichten. Dass sich beide Begriffe seit den 1960er Jahren zu Chiffren für eine Krise des Urbanen entwickelten, die maßgeblich als Krise des Sozialen – als eine Zunahme von Segregation und Polarisierung – gedeutet wurde, legt dabei nahe, dass der Umgang mit sozialräumlichen Veränderungen in verschiedenen nationalen Kontexten Parallelen aufwies und miteinander verflochten war. Welche sozialräumlichen Konstellationen wurden also jeweils im Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft als konflikthaft beschrieben, welche Strategien zum Ausgleich von Spannungen wurden entwickelt? Und wie verhielten sich in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Expertise, mediale Berichterstattung und kommunale Strategien zueinander?

Ausgehend von diesen Fragen befasst sich das hier vorgestellte Habilitationsprojekt mit der Problematisierung von sozialer Ungleichheit, von Marginalisierung und Segregation in urbanen Kontexten in Westdeutschland und Frankreich. Es geht der Frage nach, welche Räume dort in wissenschaftlichen Untersuchungen, in Verwaltungskreisen und den Massenmedien als soziale Brennpunkte, Konfliktzonen und prekäre Orte galten und welche Praktiken mit dieser Beschreibung einher gingen bzw. überhaupt zur Herstellung dieser sozialen Räume führten. Denn tatsächlich war die Auseinandersetzung mit Formen der sozialen Ungleichheit in den westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften auf vielfältige Weise mit urbanen Entwicklungen verflochten: Zum einen, weil die staatliche Wohnungs- und Modernisierungspolitik neue Formen der Benachteiligung und Privilegierung mit sich brachten. Zum anderen, weil urbane Problemzonen wie Lager, innerstädtische Sanierungsviertel und Großsiedlungen immer wieder zu Schauplätzen der wissenschaftlichen Untersuchung sozialer Benachteiligung wurden und der Erprobung neuer Maßnahmen der sozialen Arbeit dienten. Und drittens, weil es oftmals an erster Stelle kommunale Akteure waren, die auf die Situation sogenannter Problemfamilien aufmerksam machten. Oft war es so der Nahraum Stadt, auf den sich in westeuropäischen Gesellschaften wie der Bundesrepublik und Frankreich die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit bezog bzw. von dem sie ausging. Dementsprechend nähert sich die Untersuchung den „Metamorphosen der sozialen Frage“ (Castel) im späten 20. Jahrhundert ausgehend von lokalen Entwicklungen und situiert sie in einem transnationalen Kontext.

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