Abgeschlossene Projekte

Westdeutsche Pfarrerinnen und Pfarrer im Land der Apartheid. Wahrnehmungen, Erfahrungen und Reaktionen im südlichen Afrika von den 1970er bis zu den 1990er Jahren

 
Bearbeitung: Sebastian Justke M.A. (betreut von Prof. Dr. Axel Schildt)

Gefördert von: Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG
 
Forschungsfeld: Jüngere und jüngste Zeitgeschichte 

Die bis heute bestehenden Beziehungen der evangelischen Kirchen in Deutschland zu den Kirchen im südlichen Afrika reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, beruhen aber vor allem auf der Arbeit von Missionsgesellschaften und den Gemeindegründungen deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert. Bis in die 1960er Jahre hinein betreuten Missionare im Doppelamt deutschsprachige Auslandsgemeinden und die aus der Missionsarbeit hervorgegangenen Gemeinden der unterdrückten Mehrheitsbevölkerung. Diese Praxis änderte sich Anfang der 1960er Jahre durch die Bildung deutschsprachiger evangelischer Kirchen im südlichen Afrika, welche kurz darauf Verträge mit dem Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abschlossen. Diese garantierten den Auslandsgemeinden finanzielle Unterstützung und die Entsendung westdeutscher Pfarrerinnen und Pfarrer.
 
Innerhalb dieses Beziehungsgeflechts und unterhalb der institutionellen Ebene – so die Grundannahme des Projekts – repräsentierte die Gruppe der sogenannten „Auslandspfarrer“ eine essentielle Verbindung zwischen den evangelischen Kirchen in Westdeutschland, Namibia und Südafrika. Im Unterschied zu den Entscheidungsträgern aus dem Kirchlichen Außenamt, der Synode und dem Rat der EKD, die nur im Kontext von kurz währenden Delegationsreisen in direkten Kontakt mit dem Apartheidsystem in Namibia und Südafrika kamen, erlebten und rezipierten die Auslandspfarrer dessen lebens- und alltagsweltlichen Manifestationen ungleich intensiver. Als Migranten auf Zeit konnten sie die soziale Wirklichkeit dieses Systems und deren Veränderung über einen längeren Zeitraum vor Ort wahrnehmen. Dabei waren sie keine passiven Beobachter, sondern nahmen durch den pastoralen Dienst in ihren Gemeinden, durch Freizeitaktivitäten, durch die Arbeit ihrer Ehepartner und auch durch die Sozialisation ihrer Kinder außerhalb des Elternhauses aktiv am „Alltag der Apartheid“ teil. Mit ihren Auslandserfahrungen beeinflussten diese Pfarrer Perzeptions- und Rezeptionsprozesse in den evangelischen Kirchen in Westdeutschland, die nicht allein das Verhältnis zur „Apartheid“ thematisierten, sondern auch damit verbundene Themenfelder wie die „Dritte Welt“, den „Nord-Süd-Konflikt“, die Frage nach der Universalität der Menschenrechte oder das Problem der Gewaltanwendung sogenannter „Befreiungsbewegungen“ berührten. Umgekehrt trugen sie durch ihre Sozialisationserfahrungen in der Bundesrepublik dazu bei, dass sich die theologisch und politisch begründeten Polarisationen und Friktionen innerhalb des westdeutschen Protestantismus insbesondere während der 1970er Jahre auch auf die deutschsprachigen Auslandskirchen auswirkten.
 
Im Mittelpunkt des Dissertationsprojekts, das Teil eines größeren deutsch-dänischen Forschungsverbundprojekts zu westeuropäischen Reaktionen auf das Apartheidsystem in Südafrika von 1948 bis 1994 ist1, steht die Frage nach den Wahrnehmungen, Erfahrungen und Reaktionen dieser Auslandspfarrer in der Zeit vor, während und nach ihrem Auslandsdienst. Im Fokus stehen dabei vor allem die 1970er und 1980er Jahre, in denen sich einerseits der Konflikt um das Apartheidsystem innerhalb des südlichen Afrikas zuspitzte und in denen andererseits der Druck aus dem Ausland auf die südafrikanische Regierung deutlich zunahm.
 
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1 Im Rahmen dieses Verbundprojekts erforscht Knud Andresen an der FZH derzeit ein ebenfalls von der DFG gefördertes Projekt unter dem Titel „Apartheid im ‚Strukturbruch‘: Wahrnehmungen und Praktiken schwedischer und bundesdeutscher Manager im Südafrika der 1970er und 1980er Jahre.“
 
 

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